Naomis Geschichte, aufgeschrieben von ihrer Besitzerin:


Am 15. Januar 2009 verlor ich meine Stute Arabelle. Ihr Adoptivsohn Darius geriet vor Trauer und Überforderung vollkommen außer sich. Außer ihm war nur noch Lunita da, und die kleine Fjordstute war einfach zu dusselig, um eine gute Leitstute zu sein. Ich brauchte dringend wieder eine Leitstute, und die Suche begann nicht ganz zwei Monate nach Bellas Tod. Ich fand Naomi. Naomi wurde im Mai 1993 geboren, sie ist eine sehr gelungene Mischung aus Friese und Schleswiger. Kinderlieb, nervenstark, die geborene Leitstute, und leider Schale vorne beidseitig, erzählte mir die Vorbesitzerin. Naomi ging extrem schwer auf der Vorderhand, fiel sehr schwer auf den linken Vorderhuf, in dem die Verknöcherung relativ abgeschlossen war. Sie lag sehr viel, und wenn sie aufstand, sah das wirklich gruselig aus. Die ersten zehn Schritte waren extrem schmerzhaft. Ich habe selber Arthrose und konnte Naomis Leid nachempfinden. Sie bekam Teufelskralle, Ingwer, Ingwer-Gelenk und Gelenkzusatzfutter von mir. Trotz ihrer Behinderung verdrosch sie zur Begrüßung Darius und Lunita und nahm sie danach unter ihre sehr mütterlichen Fittiche. Die Suche nach jemandem, der sich der Hufe der schweren Dame annehmen würde, begann. Naomi und ich wären fast an dieser Suche verzweifelt. Ich suchte Huforthopäden, Hufschmiede, Huftechniker, Hufpfleger. Entweder ich bekam Absagen, oder auf Emails oder Anrufbeantwortersprüche meldete sich gar nicht erst jemand.

Naomis Hufe brechen nicht aus. Sie wachsen einfach. Ihr linker Vorderhuf wurde richtig platt, weil sie auf diesen besonders schwer fiel. Die hinteren sahen noch relativ manierlich aus. Hufeauskratzen wurde zum Abenteuer. Die hinteren gab sie relativ gut, die vorderen sehr schlecht. Den rechten konnte ich einigermaßen auskratzen, den linken gab sie immer schlechter und zum Schluß gar nicht mehr. Sie lahmte, sie lag viel. Meine Verzweiflung wuchs! Wie sollte ich diesem behinderten Pferd gerecht werden, wenn sich kein Fachmann ihrer Füße annahm? Hatte ich Naomi umsonst aufgenommen, um ihr Gnadenbrot zu bieten? Sollte sie wegen ihrer dummen Füße eingeschläfert werden müssen?



Naomis Vorderhufe vor der ersten Bearbeitung. Leider nur Standfotos auf der Weide, Fotos von unten waren nicht möglich, weil Naomi die Hufe nicht lang genug hochhalten konnte.

Beim Einkaufen sah ich ein rotes Auto, darauf die HP Gesundehufe.com. Heimgerast, PC an, dann Liobas Bild auf Merlin gesehen: Eine Frau! Kein Schrank von Mensch, sondern eine ganz normale Frau! Keine Gewalt am Pferd, Geduld und Verständnis stand da. Ich rief sofort an, schilderte Naomis Probleme so genau und realistisch wie möglich.

Die ersten vier Termine folgten im wöchentlichen Abstand. Schon nach dem ersten Termin - und Lioba konnte wirklich nicht viel machen, weil Naomi wie angenagelt und einbetoniert auf ihrem linken Fuß stand und diesen nicht rausrückte - ging es Naomi sichtbar besser. Ich hatte die zwei Jahre alten Röntgenbilder von der Vorbesitzerin mitgebracht. Lioba betrachtete sie und fand die Crux. Schale hat Naomi vorne beidseitig, warum tut der rechte Fuß dann mehr weh als der linke? Die Beugesehne wurde durch die Verknöcherungen stark belastet. Also stellte Lioba Naomi vorne rechts etwas steiler. Der Erfolg war bereits nach einer Behandlung sichtbar! Die Stute bewegte sich deutlich leichter.

Offenbar war Naomi früher nur von Leuten hufbearbeitet worden, die keine Geduld und wenig Verständnis für sie hatten. Die Vorbesitzerin meinte nur, daß Naomi die Hauklinge nicht ganz so gerne hätte, Verwendung fand sie natürlich trotzdem. Das Pferd muß ja funktionieren. Lioba brachte erst gar nicht eine Hauklinge mit! Sie raspelte und schnibbelte mit dem Hufmesser an viel zu großen, unglaublich harten Hufen. Naomi mußte erst lernen, daß ein sanftes Signal "ich will meinen Fuß wieder haben!" reicht, damit sie den Fuß auch rasch wiederbekommt. Anfangs riß sie den Huf einfach nach vorne weg. Aber schließlich gab sie Lioba todesmutig auch den linken Vorderfuß und lernte, daß sie ihn ganz schnell wiederbekam, wenn sie nicht mehr auf dem kranken rechten stehen konnte. Ihr Vertrauen wuchs, und es ging ihr immer besser. Jetzt erst konnten wir im vollen Ausmaß sehen, wie schlimm der linke Huf dran war: Plattgetrampelt, völlig aus der Form, mit einem Gewölbe, das nicht ein sondern zwei Echos hatte. Der Strahl klein, mickrig, faulig. Mit jedem Besuch ging es Naomi besser, und bei jedem Besuch gab sie artiger Hufe.

Vom wöchentlichen Behandlungsintervall konnten wir zu vier Wochen übergehen. Jetzt sind wir bei sechs Wochen. Naomi und Lioba teilen sich Bananen, und ich stehe ein wenig eifersüchtig daneben, wenn ich sehe, wie meine Stute auf Liobas Stimme reagiert, wie sie ihr vertraut und sie zur Begrüßung freundlich anbrubbelt.

Hufe auskratzen ist kein Problem mehr. Selbst die Nachbarstochter schafft dies inzwischen ohne meine Hilfe. Die Strahle erholen sich. Die Hufe sehen für mich schon ganz wie normale, gesunde Hufe aus.

01.05.2010: Die Pferde kommen auf die große Koppel. Darius und Lunita fetzen buckelnd im Galopp ab. Naomi steht da und sieht ihnen nach. Ein Ruck geht durch sie. Sie wirft den Kopf hoch und rennt im buckelnden Schweinegalopp, auskeilend, furzend und überglücklich hinterher! Sie rennt, sie freut sich an der Bewegung. Selbst ich, die ich weiß, worauf ich achten muß, sehe nicht mehr das Lahmen. Naomi ist neugeboren. Mindestens vier Jahre lang war sie lahm und konnte sich nur unter Schmerzen und mühsam bewegen. Jetzt kann sie laufen, sie kann leben und Pferd sein. Es ist ihr anzusehen, wie sehr sie sich darüber freut, wie gerne sie sich vorführen läßt - im Trab für Lioba, in engen Wendungen für den fassungslosen Tierarzt (anfangs hatte Naomi den Wendekreis einens LKW mit mindestens einem Anhänger!). Und es ist für mich ein kleines Wunder, wie aus einem krüppellahmen Gnadenbrotpferd ein optisch gesundes Pferd wurde!

Beim letzten Termin konnte Lioba sie bereits wie ein normales, gesundes Pferd bearbeiten. Nicht länger mehr flitzte sie von Huf zu Huf, um Naomi nicht zu überanstrengen, um ihren schmerzenden Füßen Ruhepausen zu gönnen. Jeder Huf wurde am Stück fertig bearbeitet.

Eins nur ist Naomi geblieben: Sie trippelt! Wenn alle vier Hufe während der Bearbeitung am Boden sind, trippelt sie auf der Stelle, hebt jeden Huf kurz an, wie um ihre Beine auszuschütteln. Dann ist sie bereit, den aktuellen Huf wieder vertrauensvoll für Lioba zu heben.

Wir sind sehr glücklich und sagen beide sehr laut DANKESCHÖN!



Naomi ist eins dieser Pferde, die gerne alles richtig machen wollen. Man hat es ihr aber so schwer gemacht und es war so schmerzhaft für sie, dass sie es einfach nicht geschafft hat, und so hat sie sich auf ihre sanfte Art gewehrt. Wenn Pferde, die Schmerzen oder Probleme haben, merken, dass wir ihnen mit Verständnis und in Freundschaft begegnen und bereit sind, ihre Versuche zu honorieren und ihnen die nötigen Pausen oder andere Erleichterungen zu geben, dann sind sie bereit uns zu helfen und Schmerzen auch mal auszuhalten. So wird das Leben für alle einfacher und schöner!