Als Anfang 2006 unser erstes Shetty "Märchen" bei uns einzog, hatten wir persönlich noch keine Erfahrung mit Hufrehe gemacht. Wir hatten zwar Hufrehepferde im Kundenkreis betreut, aber glauben Sie mir, es ist lange nicht das selbe..... und so machten wir auch erst vieles falsch.
Ich weiß sehr wohl, dass die wenigsten Menschen in der Lage sind aus den Fehlern anderer zu lernen, aber dennoch will ich allen Betroffenen und allen die es nicht werden wollen, die Möglichkeit dazu geben.
Was ich hier schreibe sind meine persönlichen Erfahrungen und ersetzt keinesfalls die tierärztliche Behandlung kranker Pferde!!
Unser Pony Märchen hat uns folgende Dinge gelehrt:
1. Rehe hat Voranzeichen. Entgegen der landläufigen Meinung, Rehe entstünde über Nacht, kann ich berichten, dass inzwischen viele unserer Kunden und auch wir die Vorzeichen einer Rehe sehen können. Bei Märchen äußert sich dies in Gelenkproblemen, zu sehen daran, dass sie die Sprunggelenke beim Gehen nicht stark genug beugt, sondern das Bein in einer Kreisbewegung nach vorn führt. Eine Kundin, deren Rehepferd Herdenchef ist, berichtete mir, das Voranzeichen sei, dass er den Rangzweiten an seinen Heuhaufen lässt. Diese Symptome treten auf, bevor die ersten Fühligkeiten oder Lahmheiten zu sehen sind und lange bevor Pulsation zu fühlen ist oder die Hufe heiß werden. Sollten Sie ein chronisches Rehepferd haben, lernen Sie die individuellen Voranzeichen Ihres Pferdes kennen! Folgen Sie dabei ruhig Ihrem Gefühl. Wenn Ihnen "etwas komisch" vorkommt, finden Sie heraus, was es ist und schreiben Sie es auf. Vielleicht ist es ein Vorbote. Rehe ist nicht da oder weg, Rehe geht von 0 bis 100 und viele unserer Pferde sind dauerhaft bei 10. Märchen - das weiß ich und kann es nicht ändern- ist dauerhaft bei ungefähr 30, in schlechten Phasen bei 40. Denken Sie sich Rehe als Skala der Gesundheit und reagieren Sie nicht - wie die meisten Pferdebesitzer - erst bei 60 oder 80!
2. Kurzes Gras ist Gift. Während langes Gras oft recht gut vertragen wird - besonders mit einer Fressbremse - kann kurzes Gras, an dem die Pferde den ganzen Tag knabbern, oft eine latente Rehe auslösen, die nicht stark in Erscheinung tritt, sich aber durch Fühligkeit, klammen Gang oder allgemeine Bewegungsunlust äußert. Wenn Sie nicht sicher sind, streichen Sie jedes bißchen Gras vom Futterplan und sehen Sie, was sich in den nächsten zwei bis vier Wochen ändert.
3. Fressbremsen sind nur für stundenweise Weidegang geeignet. Abgesehen von der Einschränkung im Sozialkontakt kann ein Pferd mit der Fressbremse kein Heu fressen und unserer Erfahrung nach ist Heu das allerwichtigste für Rehepferde. Für uns ist es auch nicht gesund, nur Schokolade zu essen. Wir können wenig Schokolade essen, aber wenn wir nichts anderes essen, werden wir dennoch nicht gesund sein.
4. Auch Heu kann Rehe auslösen. Diese leidvolle Erfahrung mussten in der letzten Zeit mehrere Pferdebesitzer machen. Heu kann zu fruktan- zu gift- oder zu schimmelhaltig sein. Suchen Sie Heu, das Ihr Pferd gut verträgt und halten Sie immer etwas davon bereit. Vermeiden Sie, auf anderes Heu umzustellen ohne eine Notreserve des alten Heus zu haben. Wenn möglich lassen Sie Ihr Heu testen. Bei Reheschüben im Januar und Februar denken Sie an die Möglichkeit, dass das Heu in der Lagerung geschimmelt sein könnte und stellen Sie Ihr Pferd testweise auf Heucobs um.
5. Fruktan - und Giftgehalte von Gras sind nicht einschätzbar. Im Internet kursieren viele Theorien, man solle Pferde nur nachts oder nur mittags oder nur bei Mondschein rauslassen (ok das mit dem Mondschein war ein Witz). Unsere Beobachtung ist, dass Pferde auf jede Wetteränderung und damit Grasänderung reagieren und man immer Pech haben kann. Einzige Lösung: den Weidegang generell begrenzen und die Pferde genau beobachten. Pferde nachts rauszulassen weil der Fruktangehalt dann niedriger ist, erscheint uns gefährlich, da die Weidezeit nachts beträchtlich länger ist, während man tagsüber von.... bis .... die Weidezeit individuell anpassen kann.
6. Sich nichts ein- oder ausreden lassen. Kunden und auch Freunde haben uns oft ein bißchen mitleidig angeschaut, wenn wir so "zimperlich" waren und unser Märchen so wenig rausgelassen haben. Unsere Pferde fressen das ganze Jahr über Heu, die Weidezeit ist immer auf einige Stunden begrenzt. In Phasen, in denen sie es gut vertragen, können sie mal 8 Stunden draußen sein, wenn dann wieder Probleme auftreten, wird die Zeit sofort gekürzt. Durch unseren schönen Paddock sind die Pferde nicht gelangweilt oder unglücklich und wir betreiben meistens "Sippenhaft", d.h. alle gehen die gleiche Zeit raus oder eben nicht.
Mancher hat uns schon fast als Tierquäler bezeichnet. Und einige haben später dann gesagt "jetzt weiß ich, warum Ihr so seid..." als das eigene Pferd dann Rehe bekam. Hören Sie auf Ihr Gefühl und lassen Sie sich nicht verrückt machen.
7. Immer einen Notfallplan bereithalten. Wenn es die Rehe dann da ist - und mit Rehe meine ich die oben genannten Vorboten! - dann starten Sie den Notfallplan. Halten Sie immer Heu bereit, von dem Sie wissen, dass Ihr Pferd es verträgt, sowie gutes Futterstroh. Halten Sie immer einen Platz bereit, auf dem Sie Ihr Pferd unterbringen können - einen kleinen Paddock mit Unterstand oder ähnliches, auf dem keinerlei (!) Gras zu kriegen und der stabil eingezäunt ist. Außerdem Heucobs, die Rehepferd geeignet sind, sowie wenn nötig unmelassierte Rübenschnitzel oder ein anderes rehegeeignetes Futter. Informieren Sie Ihre Stallkollegen darüber, was zu tun und zu lassen ist. Und wenn es irgendwie geht, sorgen Sie dafür dass ein anderes Pferd mit ihrem zusammensein kann. Fast in jedem Stall findet sich ein "Diätkandidat", dem etwas Grasabstinenz überhaupt nicht schadet - man muss nur den Besitzer überzeugen :-) Vielleicht kann man auch zwei Kumpel finden, die sich abwechseln beim Gesellschaft leisten.
8. Die Ohren offenhalten. Rehe und auch Hufgeschwüre treten gehäuft bei bestimmten Witterungen auf. Wenn an Ihrem Stall oder auch in Ihrem Freundeskreis ein Pferd an Rehe oder einem Hufgeschwür erkrankt, achten Sie besonders gut auf Ihr Pferd, die Gefahr ist dann deutlich erhöht, dass es auch Sie erwischt.
Meist vergeht zu viel Zeit von den ersten Symptomen bis zu Reaktion. Viele sagen uns nachher "ja, der war schon die ganze letzte Woche so komisch..." . Wann immer Ihr Pferd merkwürdige Symptome entwickelt: nehmen Sie es vom Gras und sehen Sie ob die Symptome verschwinden. Wenn man die Ursache einer Rehe abgestellt hat, sind die Symptome unserer Erfahrung nach binnen weniger Tage deutlich besser. Wenn Ihr Pferd wochenlang mit Rehe zu tun hat, haben Sie die Ursache noch nicht gefunden!!
Die beste aller Rehebehandlungen ist, es gar nicht zur Rehe kommen zu lassen!!