Am Thema "Futter aus der Hand" scheiden sich in der Pferdewelt die Geister. Während die meisten Leute es beim Hund für angebracht halten, Leckerlis zu geben, sind Pferdebesitzer öfter skeptisch, was das angeht.
Für mich ist die Frage nicht, ob, sondern wann, wie und warum ein Tier ein Leckerli bekommt.
Bekommt das Tier Futter, weil es etwas getan hat, oder tut das Tier etwas, weil es Futter bekommt - das ist für mich die entscheidende Frage.
Vielleicht ist Ihnen der Unterschied zwischen den beiden Varianten noch nicht ganz klar, daher will ich es erläutern.
Unser Hund Sali zum Beispiel kann einige kleine Tricks. Diese habe ich ihr mittels Clicker beigebracht und sie hat für sich entdeckt, dass die Tricks ein einträgliches Geschäft sein können. Wenn sie auf Menschen trifft, die Futter dabei haben, fängt sie manchmal an, diese kleinen Tricks zu zeigen.
Sie tut dass, weil sie weiß, dass sie gute Chancen hat, dafür Futter zu bekommen! Sie tut also etwas, um Futter zu bekommen. Sie wendet eine Strategie an, die in Notzeiten sogar ihr Überleben sichern könnte (in der Fußgängerzone der Kieler Innenstadt könnte sie sicher auf einen guten "Stundenlohn" kommen.... )
Wenn es aber darum geht, dass sie bei Fuß geht, dass sie sich ablegt oder dass sie in meiner Nähe bleibt, sieht die Sache anders aus. Sie hat diese Dinge gelernt - meist mittels Körpersprache, auch mit Futterbelohnung aber nicht ausschließlich. Sie weiß, dass ich sie anmeckern werde, wenn sie nicht tut was sie soll, gleichzeitig weiß sie, dass ich solche Dinge nur verlange, wenn es wirklich nötig ist. Die meiste Zeit das Tages tut sie, was sie will, und so ist sie bereit, auch zu tun was ich verlange, weil sie einen gewissen Sinn darin sieht. Sie weiß, dass ich diese Dinge nicht verlange weil ich "dominant" bin, sondern weil ich gute Gründe habe.
Ab und zu bekommt sie für solche Alltagslektionen auch Futter, aber in aller Regel habe ich noch nicht einmal Futter dabei.
Hier ist es also umgekehrt: Manchmal
bekommt sie Futter, weil sie etwas tut. Ich nenne das
Motivationsfutter. Das Motivationsfutter unterliegt nicht der
strengen Zeitbeschränkung wie das Belohnungsfutter. Soll heißen:
wenn der Hund etwas tun soll, um Futter zu bekommen, muss die
Belohnung sofort erfolgen. Wenn der Hund aber Futter bekommt, weil
er etwas getan hat, so kann die Belohnung auch noch etwas
später erfolgen. Z.B. weiß Sali sehr wohl, dass sie nach geduldigem
Stillhalten beim Entfernen einer Zecke mit einem Leckerchen belohnt
wird. Ich muss das Leckerchen aber nicht parat halten, ich kann nach
Entfernen der Zecke in aller Seelenruhe an die Truhe gehen und ihr
etwas holen. Und unser Pferd Merlin weiß genau, dass es nach getaner
Arbeit einen Eimer gibt, auch wenn ich diesen erst fertigmachen oder
holen muss.
Mit Futter kann ich Merlin überzeugen, liegenzubleiben, während ich aufsteige. In diesem Fall kann Futter den Lernprozess erheblich vereinfachen und abkürzen.
Damit wir uns richtig verstehen: in meinen Augen haben beide Futtervarianten ihren Platz in der Tierwelt, genauso wie das Arbeiten ohne Futter.
Einem Tier beizubringen, etwas für Futter zu tun, kann ein guter Weg sein, ihm neue Verhaltensweisen zu erklären. Beim Hund scheint mir dies allerdings einfacher zu sein als beim Pferd. Das liegt wohl in der Natur der Sache, da der Hund mit einem "genetischen Programm" auf die Welt kommt, das ihm sagt: wenn Du fressen willst, musst Du etwas dafür tun (z.B. jagen: ein sehr komplexer Ablauf aus Suchen, Aufstöbern, Verfolgen, Töten und dann noch Haut und Fell kaputtbeißen) . Das Pferd dagegen kommt mit einem anderen Programm zur Welt, dass ihm sagt: wenn Du Futter willst, musst Du (nur) danach suchen (Gras suchen, hinlaufen, Nase runter und fressen)
Ich glaube, dass daher der Unterschied kommt zwischen dem Hund, der uns herzzerreißend anschauen kann, bis wir ihm etwas geben, und dem Pferd, das eher selbst die Sache "in die Hand" nimmt und versuchen wird, das Futter aus unserer Tasche zu klauen. (was der Hund in der Regel nur tun wird, wenn die Hose unbeaufsichtigt herumliegt)
Nichts desto trotz erlebe ich immer wieder, wie motiviert Merlin bei der Sache ist, wenn ich mit Futter arbeite. Merlin bekommt vor allem dann Futter, wenn er sich ganz besonders angestrengt hat. Eigentlich ist mir nicht wichtig, ob eine Lektion schwer, neu, oder einfach und altbekannt war. Wenn ich sehe, dass er sich Mühe gibt oder wenn ich sehe, dass er sich Mühe gibt, obwohl er eigentlich nicht so viel Lust hat, dann greife ich in die Tasche und lasse ihn wissen, das mir seine Anstrengung etwas wert ist. Über viele Monate habe ich komplett auf Futter während der Arbeit verzichtet und ich habe sehr gute Erfolge erzielt, indem ich Merlin mit Pausen belohnt habe. Ich würde immer wieder so arbeiten mit einem Pferd, das noch nicht ein so gutes Verständnis für die Zusammenarbeit mit Menschen entwickelt hat.
Merlin aber führt heute Lektionen aus,
die körperlich extrem anstrengend für ihn sind und weit über das
hinausgehen was man normalerweise von einem Pferd seiner Statur
verlangt. Dafür möchte ich mich bedanken und ihn motivieren mit
kleinen Leckereien zwischendurch. Abgesehen davon ist es für mich
unpraktisch, wenn ich eine lange Pause mache, um ihn zu belohnen und
danach von vorne anfange mit dem Aufbau einer positiven
Grundspannung. Über die schnelle Futtergabe kann ich die
Grundspannung erhalten und komme besser voran.
Futter kann glücklich machen - wenn Sie und Ihr Pferd sich einig sind!
Aber auch andere Pferde profitieren kurzfristig von der Fütterung aus der Hand. So zum Beispiel Pferde, die massive Probleme beim Hufegeben haben. Wenn Sie nicht sicher sind, ob es sich um körperliche Schwierigkeiten handelt oder lediglich um ein "Kopfproblem" (das vielleicht einmal durch körperliche Schwierigkeiten ausgelöst wurde), können Sie einen Helfer bitten, dem Pferd so lange Leckerchen zu geben wie es den Huf hochhält. Sie werden sehr schnell sehen, ob plötzlich alles ganz einfach ist, oder ob das Pferd sich trotzdem schwer tut. Außerdem kann Futter ein Pferd motivieren, Schmerzen auszuhalten, wenn es denn einmal sein muss.
Merlin ist skeptisch, weil Arnulf auf der Tonne trommelt. Etwas Futter auf der Tonne kann dazu beitragen, dass Merlin sie als ungefährlich kennenlernt
Das Problem an Futterbelohnung ist ihr korrekter Einsatz. Daher sind viele Menschen zu Recht skeptisch. Viele von Ihnen haben schon Pferde erlebt, die schnappen oder betteln sobald Futter ins Spiel kommt. Bei solchen Pferden würde ich das Futter streichen und anders belohnen. Denn das Schnappen oder Scharren sind Verhaltensweisen, die das Pferd zeigt, weil es den Sinn der Futterbelohnung nicht verstanden hat und glaubt, es würde auf diese Weise an Futter kommen - oder weil es frustriert ist, weil es nicht weiß, wie es ans Futter kommen kann.
Achtung: ein scharrendes oder schnappendes Pferd ist NICHT ungehorsam. Tiere verfolgen Strategien, die zum Ziel (dem Futter) führen. Wenn ihnen dies nicht gelingt, sind sie frustriert und zeigen Übersprungshandlungen (Scharren ist oft eine Übersprungshandlung, genauso wie z.B. das Kauen am Strick o.ä.). Ungehorsam bedeutet, dass ein Tier etwas nicht tut, obwohl es genau weiß, was es tun soll. Pferde, die Übersprungshandlungen zeigen, wissen eben NICHT was sie tun sollen und haben Streß. Strafe ist hier total fehl am Platz.
Pferde, die solche Verhaltensweisen zeigen, haben das grundsätzliche Zusammenspiel mit dem Menschen noch nicht verstanden, die Kommunikation funktioniert nicht.
Wenn Sie Ihr Pferd an der Tasche hängen haben und es nicht mehr los werden und ihm womöglich auf die Nase schlagen müssen, damit es von Ihnen ablässt, dann rate ich Ihnen, das Futter wegzulegen und an der grundlegenden Kommunikation (NICHT am Gehorsam oder Respekt!!) zu arbeiten.
Denken Sie immer daran, dass Tiere nicht über "gutes" oder "schlechtes" Verhalten nachdenken. Tiere tun das, was für sie funktioniert. Es liegt an uns, das so zu steuern, dass für uns "gutes" Verhalten dabei herauskommt!
Dazu möchte ich noch eine kleine Erläuterung aus meiner Herde geben: Märchen, unser Shetty, ist die Rangniedrigste der Herde. Sie bekommt öfter mal was ab, wird herzhaft gebissen und vom Futter verscheucht. Jedoch zeigt sie häufig "respektloses" Verhalten gegenüber den Ranghöheren: obwohl sie angegiftet und gebissen wird, weicht sie nur gerade einen Schritt aus. Sobald der Ranghöhere sich wieder dem Fressen zuwendet, ist sie wieder da und frisst mit.
Diese Strategie ist für sie recht erfolgreich, denn alsbald wird es den Ranghöheren zu blöd, sie immer wegzuschicken, und sie lassen sie mitfressen. So hat sie gelernt, die Attacken der anderen auszusitzen, um ans Ziel zu kommen. Stellen Sie sich vor, sie würde das selbe Verhalten den Menschen gegenüber zeigen! Würden Sie nicht auch finden, dass sie extrem schlecht erzogen ist?? Dabei handelt es sich um eine Überlebensstrategie! Schauen Sie einmal bei Ihrem Pferd genau hin: welche Strategien hat es gelernt, um zu erreichen, was es möchte? Sie werden erstaunt sein, wie klug die Tiere uns manipulieren, um zu bekommen was sie wollen, und was sie in Kauf nehmen, um ihre Ziele zu erreichen.